Alle Jahre wieder

Ich hab mein Blog-Passwort wiedergefunden! Und außerdem was geschrieben, und zwar hierfür:

http://captain-obvious.de/short-story-collab-8-zwielicht/ (Ich hoffe ebenfalls sehr, dass der letztmonatige (ich hinke sehr hinterher) Themenvorschlag nichts mit hier, Dings, ihr wisst schon zu tun hat. Ich bin aber optimistisch.)

Wahrscheinlich mach ich jetzt öfter mit, mal sehen. Der November steht ja vor der Tür. (www.nanowrimo.org)

Ich sollte mehr üben. Kritik gerne in die Kommentare, bestenfalls mit geeigneten Verbesserungsvorschlägen.

 

 

 

Zwielicht

Ich dachte gerade darüber nach, ob sich eine achte Tasse Kaffee vor dem Schlafengehen noch lohnen würde und blickte dabei möglichst versonnen aus dem Fenster. Mir wurde gesagt, dass ich dabei bisweilen schielte, aber genau aus diesem Grund musste sowas geübt werden.

Es dämmerte und der Nebel kroch über die Felder vor dem Haus. Dann kroch er am Fenster vorbei und klopfte.

Die Holzdiele unter meinen Füßen knarrte. Ich kniff die Augen zusammen und starrte durch die Scheibe, um herauszufinden, wer oder was da geklopft hatte. Immerhin befand ich mich in der dritten Etage. Während ich starrte, bildete sich ein Gesicht aus dem Nebel heraus, das allerdings auch aus Nebel bestand. Als nächstes eine Hand. Dann ein Hut, der Vollständigkeit halber. Die Hand waberte zum Fenster und klopfte erneut. Das Nebelgesicht sah mich erwartungsvoll an.

Normalerweise stellte ich mich gerne tot, wenn es klopfte. Das lag nicht daran, dass ich schon mal übte, falls ich in meinem nächsten Leben als Opossum wiedergeboren würde, sondern daran, dass ich einfach recht unsozial war.

Da sich der Klopfer aber direkt vor meiner Nase befand und es unglaubwürdig gewesen wäre, jetzt Leiche zu spielen, öffnete ich das Fenster stattdessen. Man kann darüber argumentieren, wie klug das war, aber Nebelgesichter kamen nicht alle Tage zu Besuch.

Ja?“

Der Nebel sagte nichts, begann aber zu verwirbeln und bildete Spiralen und Gebilde, deren Bedeutung ich nicht zu entschlüsseln vermochte.

Während der Nebel vor sich hin strudelte, ohne dass ich daraus klüger wurde, hüpfte Frederick neben mir aufs Fensterbrett. Frederick war ein schwarz-weißes Huhn, das irgendwann im Garten aufgetaucht war und nicht mehr gehen wollte. Der Garten war aber auch wirklich schön. Also aus Hühnersicht vermutlich, in einschlägigen Magazinen wäre er wohl höchstens als Negativbeispiel abgebildet worden. Ich hatte den grünen Daumen meiner Mutter nicht geerbt und überließ es der Natur, mein Grundstück zu gestalten. Das tat sie auch und ich lud mehr oder minder regelmäßig Leute ein, die für eine Tasse Kaffee, Tee oder Benzin das Haus davor bewahrten, überwuchert zu werden. Gerade blühten die Pappeln und sandten weiße Fussel übers Land, über die Beete und ins Haus. Ich war zwar auf die Pappelsamen allergisch, allerdings war ich ebenfalls auf Möhren allergisch und die aß ich ja auch von Zeit zu Zeit, wobei mir erst beim Essen wieder einfiel, dass ich allergisch war. Nicht ideal, dafür aber auch nicht weiter dramatisch.

Das Huhn war irgendwann vom Garten aus ins Haus spaziert und hatte sich dort eingenistet. Vielleicht war ihm der Garten auch zu unordentlich. Ich hatte nie gefragt und er hatte es nie angesprochen. Ich hielt ihn für ein vergleichweise höfliches Huhn, allerdings war er auch das einzige, das ich näher kannte.

Frederick also hüpfte neben mir auf das Fensterbrett und drehte den Kopf, um den Nebel von allen Seiten zu betrachten. Dieser war inzwischen sogar ein bisschen ins Zimmer gekrochen und sah sich um, sagte allerdings immer noch kein Wort.

Ich war ratlos.

Hm“, steuerte ich daher zu dem Gespräch bei, das man nicht als solches bezeichnen konnte.

Hm“, machte auch Frederick.

Kannst du was erkennen?“

Er drehte noch ein wenig den Kopf.

Weltuntergang, Dimensionsportal und der Kakao ist alle. Das übliche.“

Wo ist das Portal?“
„Hinter der Scheune, durch den Brunnen.“
„Ah. Ich dachte, das wär schon wieder zu.“
„Ist wohl ein neues.“

Ich nickte ihm zu.

Wollen wir?“
„Na gut. Ich wollte eh eine rauchen.“
„Du solltest damit aufhören. Ich glaube, Zigaretten sind nicht mal für Hühner gut.“ Wir entklommen die Wendeltreppe nach unten.

Aber wir sind doch an der frischen Luft“, entgegnete Frederick, als wir zur Tür hinausspazierten.

Was hältst du von einer Ersatzbeschäftigung?“

Wir bahnten uns unseren Weg durch den Nebel, der das Haus komplett einhüllte, sodass es nach ein paar Schritten nicht mehr zu sehen war.

Das ist nicht sehr hilfreich.“

Frederick hatte inzwischen auf meiner Schulter Platz genommen und meinte vermutlich den Nebel, vielleicht aber auch meinen Vorschlag, er gab gern solche mehrdeutigen Antworten, das war neben dem Rauchen seine schlechteste Angewohnheit. Außerdem knickte er Buchrücken beim Lesen. Aber ich schweife ab.

Ich kramte beim Laufen in meinen Taschen, behielt dabei aber die Markierungen im Auge. Dieser Nebelbefall war nicht unser erstes Sichtproblem hier.

Schließlich reichte ich ihm eine Dose mit Seifenblasenlauge.

Ernsthaft?“
„Mir hat’s auch geholfen.“

Er verstaute die Dose in seinem Gefieder, vermutlich, damit ich das Thema sein ließ.

Wir passierten die Scheune und standen vor dem Brunnen. Der Nebel schien hier seinen Ursprung zu haben. Die Öffnung des Brunnens wies auch nicht mehr nach unten, wie das Brunnenöffnungen so an sich haben. Der Brunnenschacht schien direkt in die Landschaft zu führen, was nicht sehr praktisch und architektonisch sinnlos war.

Sieht nach einer Falle aus.“
„Schon. Aber da hat sich jemand wirklich Mühe gegeben. Wer soll das denn reparieren?“
„Tja, das wird vermutlich teurer als eine Tasse Kaffee oder Tee.“
„Zwei Tassen?“
Frederick würdigte das immerhin mit einem mitleidigen Blick. Es ist erstaunlich, wie herablassend Hühner schauen können.

Ich seufzte, ging zur letzten Markierung zurück und hob den Stein an, neben dem sie sich befand.

Darunter lag ein Stoffbündel, das ich sorgfältig in eine Manteltasche steckte. Das Seil, das ebenfalls dort lag, ließ ich dort liegen, band mir aber ein Ende um die Hüfte. Das andere knotete ich um die Markierung.

Gut genug“, kommentierte Frederick. Ich nickte und stapfte auf die Brunnenöffnung zu und hindurch.

Frederick saß nach wie vor auf meiner Schulter, hatte sich aber inzwischen doch eine Zigarette angezündet.

Was ist mit den Seifenblasen?“

Es ist einfach nicht das gleiche.“
„Du könntest es immerhin mal versuchen.“

Er gab eine unbestimmbare Lautkombination von sich und verstummte dann.

Den Rest des Weges, der zunächst aus Halbschlamm und etwas später aus Haferbrei bestand – der Übergang ist tatsächlich fließend, da konnte man dieser Dimension keinen Vorwurf machen – schwiegen wir.

Die Seitenwände des Tunnels waren mit fluoreszierenden Runen beschriftet, sodass wir vorerst keine weiteren Leuchtmittel benötigten.

Von Runen hatte ich gerade die Nase voll, die Druidenplage hatten wir erst letzte Woche in den Griff bekommen, also ignorierte ich das Geschreibsel zu beiden Seiten.

Wir waren eine Weile gewandert, aber da es nur einen Weg zurück gab, machte ich mir noch relativ wenig Sorgen, ob ich ihn auch finden würde.

Am Ende des Tunnels war Licht, natürlich. Allerdings gab es vor allem eine Kurve, aus der das Licht schien.

Während wir um diese bogen, wurde das Licht heller. Es schien aus dem Nebel zu bestehen, der uns zuletzt nur noch als dünner Faden begleitet hatte. Der Faden führte jedenfalls direkt zu der schwebenden Lichtkugel und verschwand darin. Während wir stehenblieben und die Kugel beobachteten, begann sie wiederum, sich zu verformen.

Wir warteten geduldig, während sie sich ausbreitete, wieder zusammenzog und Beulen und Blasen bildete.

Frederick rauchte noch eine Zigarette, ich wedelte den Rauch aus meinem Gesicht, warf ihm einen mahnenden Blick zu und überprüfte das Seil, das nach wie vor recht locker an meiner Hüfte hing.

Dann wurde es plötzlich stockfinster. Nur die Zigarette glimmte schüchtern in der Dunkelheit.

Ich kramte in meiner Manteltasche und holte eine kleine Fackel hervor, die ich an Fredericks Zigarette entzündete.

Ich wartete darauf, dass sich meine Augen an das Halbdunkel gewöhnt hatten und blickte dann in die Richtung, in der sich der Nebellichtball befunden hatte. Sehr plötzliche Entwicklungen waren meistens Entwicklungen in die falsche Richtung; man denke nur an Lawinen, Raubüberfälle oder spontane Einladungen zum Karaoke-Abend.

Ich hätte jetzt auch eine Zigarette gebrauchen können, hatte aber bei dem Gedanken den Geschmack von Seifenlauge im Mund. Es half tatsächlich, aber auf welche Art und Weise, wollte ich Frederick nicht verraten, um den Überraschungseffekt nicht vorweg zu nehmen.

Es war immer noch verhältnismäßig wenig zu sehen, also drehte ich am unteren Ende der Fackel und die Flamme wurde größer.

Die Schatten wichen zurück. Bis auf einen sehr hartnäckigen, der sich vor uns befand und das Licht aufzusaugen schien.

Ich wagte es nicht, die Fackel kleiner zu stellen, ganz wohl war mir bei dem schwarzen Schemen vor uns auch nicht, und das war eine massive Untertreibung. Er wuchs noch ein wenig, aber es wäre riskanter gewesen, gemeinsam mit ihm in kompletter Dunkelheit konfrontiert zu sein.

Es wuchs. Und wuchs. Und wurde massiv. Und wechselte die Form.

Ich wich hastig zurück und ließ beinahe die Fackel fallen. Nicht notwendigerweise in dieser Reihenfolge.

Die Spinne stakste auf uns zu, ich stolperte rückwärts. Wenn ich eines mehr hasste als Oliven auf der Pizza, dann waren es Spinnen. Clowns standen ebenfalls ganz weit oben auf der Liste, aber jeder hasst Clowns. Der Achtbeiner klickte mit den Schattenmandibeln und veränderte sich erneut.

Die Fackel brannte noch und der Wolf war größer, als die Natur es zulassen sollte, abgesehen von sehr prähistorischen Wölfen vielleicht.

Er baute sich vor uns auf und schnappte nach meinem Gesicht. Diesmal fiel ich beim Stolpern wirklich nach hinten und zu Boden. Frederick flatterte von meiner Schulter und landete auf meinem Bauch.

Er plusterte sich auf und drehte seinen gefiederten Kopf halb zu mir.

Überlass ihn mir.“

Der Wolf setzte zum Sprung an, doch Frederick war schneller. Er stieß sich ab und trudelte dem Schattenvieh flügelschlagend entgegen. Es war nicht sehr elegant, aber ziemlich mutig.

Sie stießen zusammen und alles wurde schwarz.

Als ich zu mir kam, war die Sonne gerade damit beschäftigt, mir Botschaften ins Gesicht zu zu schreiben („Du hättest an Sonnencreme denken sollen“).

Ich blinzelte und wischte mir einen Tausendfüßer von der Stirn, in erster Linie, damit ich meinen Sonnenbrand musterfrei genießen konnte.

Während ich so blinzelte, stellte ich fest, dass ich mich auf dem Grund unseres Brunnens befand. Einerseits wusste ich nicht, wie ich hierhergelangt war, schloss aber nicht aus, dass Ungeschicklichkeit meinerseits und eine unglücklich platzierte Harke involviert waren. Andererseits war ich froh darüber, dass wir hier kein Wasser aufbewahrten – dafür hatten wir ja die Leitungen im Haus.

Kopfschüttelnd rappelte ich mich auf und entdeckte, dass ich mir ein Seil um die Hüfte gewickelt hatte, das den Brunnenschacht hinaufhing. Ich zog versuchsweise daran und hoffte, dass es fest genug irgendwo angebunden war, als ich mit dem Aufstieg begann. Ich hatte keine Lust, den ganzen Tag im Brunnen zu verbringen, das Risiko nahm ich in Kauf.

Auf dem Rückweg zum Haus hatte ich beständig das Gefühl, etwas vergessen zu haben – abgesehen davon, wie ich in den Brunnen gelangt war, noch dazu mit dem Seil. Ich überprüfte alle Türen, Fenster, Herde und vorsichtshalber auch die Teppiche. Das Gefühl blieb, aber ich wusste nicht, weshalb. Schulterzuckend kochte ich mir eine Kanne Tee (der Kakao war alle) und setzte mich in den Garten. Mein Blick streifte das unordentliche Gewucher, die Baumkronen dahinter und gen Himmel.

Ohne hinzusehen, griff ich nach meiner Tasse, berührte aber stattdessen etwas anderes, das im Gras neben mir lag. Es war eine Seifenblasendose, eines dieser Fläschchen mit Lauge, die man sehr billig im Geschäft bekam.

Ich pustete ein paar Seifenblasen zwischen die Pappelsamen, die vorbeisegelten. Es wurden jedes Jahr mehr Bäume.

Pipapo(dcasts)

Weil es modern ist, Radio im Internet zu machen, hab ich beschlossen, Radio im Internet zu machen. So weit, so gut. Die einzige „Radioerfahrung“, die ich bis vor kurzem hatte, war eine eigene „Sendung“, bei der ich mit einer Freundin zusammen Dinge in ein Diktiergerät sprach, die einigermaßen lustig waren. Also, für uns. Niemand hat die Kassetten je zu Gehör bekommen und das wird sich wohl auch nicht ändern, wenn es nach uns geht.

Vor ein paar Wochen dann wurde ich eingeladen, Gast im Pummcast zu sein. Das lief halbwegs gut und daraufhin wurde ich von einem befreundeten Menschen gefragt, ob wir sowas nicht auch machen möchten. Und wir mochten.

Unsere erste Sendung ist hier zu finden und der folgende Artikel soll als Teaser dienen.

Wie werde ich interessant?

Erdrückt Sie Ihr Alltag? Fühlen Sie sich unwohl mit sich selbst? Kommen Sie sich trist und langweilig vor? Die Spaßbremse bei jeder Party – sofern Sie überhaupt eingeladen werden? Verstummen Gespräche, wenn Sie dazutreten oder ersterben diese erst, sobald Sie sich daran beteiligen? Keine Sorge! Jeder Mensch ist irgendwie einzigartig, vielleicht sogar Sie! Und Sie können in jedem Fall mehr aus sich machen! Entweder einen Individualisten – oder zumindest eine exzentrische Spaßbremse!

Gibt es etwas langweiligeres als das Mittelmaß?“, fragt sich Günni (55). (Wir glauben: Nicht viel, bis auf T-Shirts mit Sprüchen und den Namen „Günni“.

Pizza Margherita oder Lokalfernsehen vielleicht noch, aber das war es dann auch schon.)

Günni selbst sagt:

Ich war sehr unzufrieden mit mir selbst. Die Langeweile in Person. Weil ich keine Freunde hatte, musste ich mir selbst T-Shirts schenken, auf denen „Langweiler“ stand. Ich war nie besonders interessant, hab keine Leute kennengelernt und bin oft einfach zuhause geblieben. Manchmal auch andersrum. Das mache ich immer noch, aber jetzt hab ich witzigere Tapete. Hier, so mit Sprüchen und Comics. Achso, und einen Internetanschluss.“

Seit Günni sich entschlossen hat, sich einen Internetzugang zuzulegen, findet er sich zwar immer noch langweilig – und das ist er, zugegebenermaßen auch – aber hat jetzt die Möglichkeit, sich auf verschiedensten Wegen davon abzulenken und sich dort versichern zu lassen, dass er nicht langweilig sei.

Und DAS können SIE auch! Hier sind unsere Tipps, wie sie sich selbst davon überzeugen, interessant zu sein.

1.) Durch bessere Selbsteinschätzung!

Machen Sie sich Ihre Stärken und Schwächen bewusst. Fragen Sie Ihre Freunde, nein, halt, Ihre Bekannten… Hm. Nee. Die Leute im Internet, wie Sie auf andere Menschen wirken. Dieses Feedback hilft Ihnen, Ihr Selbstbild dahingehend zu verzerren, dass Sie nun wissen, ob die anderen Sie genauso langweilig finden wie Sie selbst. Wenn den Leuten, die Sie fragen, nichts einfällt, können Sie ihnen mögliche Antworten vorgeben. (Bei Stärken zum Beispiel: „Atmet sehr souverän“ oder „Fragt andere nach ihrer Meinung“. Mögliche Schwächen: „Ist ziemlich langweilig“ oder „Ist sehr langweilig“ – Werden Sie kreativ!)

Wer sich seiner Stärken und Schwächen bewusst ist, kann diese nämlich bewusst dazu benutzen, Leute davon zu überzeugen, dass man ganz andere Stärken oder Schwächen hat, die jeweils nicht so unsympathisch sind.

2.) Gehen Sie in die Offensive!

Wenn Sie von anderen Menschen wahrgenommen werden wollen (Oder von Ihren Haustieren, wir sind ja nicht voreingenommen), müssen Sie selbst aktiv und offensiv werden! Keine Sorge, die Menschen in Ihrer Umgebung wollen alles über Sie und Ihre seltsame Vorliebe für Tapetenmuster wissen, manche können es nur nicht so gut zeigen.

3.) Mut zur eigenen Meinung!

Niemand mag Leute, die immer nur zustimmen. Das heißt, doch – die meisten Menschen mögen Leute, die deren Meinung bestätigen, damit sie sich verstanden und anerkannt fühlen. Wenn Sie also unbedingt einen eigenen Standpunkt entwickeln wollen oder müssen, vergewissern Sie sich bitte vorher, ob das erwünscht ist!

4. Seien Sie offen für Neues!

Vielleicht der wichtigste Ratschlag gegen Langeweile: Probieren Sie neue Dinge aus! Ob es der Beitritt zum Angelverein ist oder Sie beschließen, sich eine beeindruckende Rüsselkäferfarm zuzulegen – egal! Es gibt heutzutage so viele Möglichkeiten der Freizeitgestaltung, da wird sich auch für Sie etwas finden.

Auch Günnis Leben hat seit seinem Beitritt zum Tapetenforum merklich an Qualität gewonnen. Er selbst meint:

Eine der besten Ideen, die ich je hatte. Jetzt weiß ich zwar, dass es kein einzigartiges Hobby ist, Tapeten interessant zu finden, aber immerhin habe ich dort Leute getroffen, denen es genauso geht.“

Ein neuer Anfang. Schon wieder einer.

Ich schreib so gern Anfänge, dass ich schon wieder einen verbrochen hab.

Bitteschön:

 

 

Ich saß im Zug, schaukelte durch die abendliche Landschaft und dämmerte meinerseits vor mich hin, sorgfältig den vergangenen Tag verdrängend, der ein weiteres Glied in einer Kette viel zu langer Tage war, als mich das forsche Klackern der Absätze der Zugbegleitung aus meinem mühsam erarbeiteten Halbschlaf löste.

Gedanklich noch bei der geschäftlichen Besprechung im Büro heute Morgen, wandte ich mich murmelnd an die Dame.

Ich nehm‘ den Kaffee mit Milch und Zucker, danke.“

Keine Reaktion, bis auf das Verstummen des Klackerns.

Als sich die Stille dehnte, trieb ich an die Oberfläche meines Bewusstseins und blinzelte in die Zuglampe, die sich jäh verdunkelte.

Die Frau hatte sich über mir aufgebaut und starrte auf mich herab. Sie schien teils belustigt, teils verärgert, aber ich war nie gut darin gewesen, Gesichtsausdrücke zu deuten, also konnte sie ebenso gut auch verliebt sein oder unter Verdauungsstörungen leiden.

Wie bitte?“

Die Frage war sehr höflich formuliert worden, ihre Stimme blieb beherrscht, aber ihr Lächeln gemahnte eher an Zähnefletschen denn an freundliches Grinsen.

Also kein Kaffee?“, fragte ich vorsichtshalber nach.

Ein tiefes Grollen entrang sich ihrer Kehle, dass man dieser gar nicht zugetraut hätte. Beeindruckt beobachtete ich, wie sich Reißzähne aus ihren Mundwinkeln schoben und ihr sorgfältig geschminktes Gesicht sich zu einer selbst nach großzügigen Maßstäben hässlichen Fratze verzerrte.

Aus den manikürierten Fingernägeln waren Krallen geworden, die sich in der Länge nur wenig von vorher unterschieden, jetzt aber aus gefiederten Armen wuchsen.

Sie riss ihr Maul auf, kreischte durchdringend und verteilte dabei in unregelmäßigem Abstand Spucketröpfchen auf meinem Hemd.

Angewidert seufzte ich und warnte: „Das gibt Abzüge in der B-Note.“

Diese Aussicht schien sie nicht zu beunruhigen. Angriffslustig ihr Gefieder sträubend, kreischte sie erneut und machte Anstalten, sich auf mich zu stürzen.Vermutlich musste die Gute heute bereits ebenfalls auf Kaffee verzichten.

Ich duckte mich unter zornigen Klauenhieben hinweg in den Gang hinein, während hinter mir eine Ladung Geflügel ins Polster krachte.

Wer hat die Harpyie reingelassen?“, wollte ich von dem Wachmann wissen, der außer Atem vor mir zum Stehen kam.

Ich …es tut mir … zu spät bemerkt …“, stammelte er, während er zwischen den den einzelnen Worten nach Luft schnappte.

Ich klopfte mir mit einer Hand Staub und Spucke von der Kleidung, die ich unauffällig an seiner Uniform abwischte, als ich ihm beruhigend die Schulter tätschelte.

Schon gut. Und jetzt entfernen Sie das Halbhuhn bitte aus dem Zug. Ich wünsche keine weitere Überraschungen dieser Art.“

Er nickte betreten und murmelte eine weitere Entschuldigung.

Ich nickte ihm zu, wandte mich zum Gehen und spürte meinerseits eine Hand auf der Schulter. Ich mochte es nicht, wenn mich Leute ungefragt berührten, also drehte ich mich gereizt um, um dies kundzutun und blickte in das pelzige Gesicht eines Wolfs, das soeben die letzte Station der Metamorphose hinter sich gelassen hatte. Die Pranke war zum Zuschlagen bereit erhoben. Ich fluchte.

Es gibt einen guten Grund für diesen Erlass, ihr dreckigen -“

Weiter kam ich nicht.

Nach dem Schmerz umfing mich gnädige Dunkelheit.

Der Horror! Also fast.

Hab auf der Festplatte noch einen Text gefunden, den ich vor drei Jahren bei einem Literaturwettbewerb zum Thema „Dinge, die im Dunkeln poltern“, Horror also, einschickte. Es war der erste längere Text, den ich nach längerer Schreibpause verfasst hab. Erstaunlicherweise kam nie eine Rückmeldung. Warum, kann man hier lesen:

Zum Teufel mit der Diät“, murmelte ich halblaut und warf einen missmutigen Blick auf die Uhr. Drei Uhr morgens. Im Geiste ging ich alle Ernährunsgtipps durch, die nach neuesten Erkenntnissen einen Gewichtsverlust gewährleisten sollten. Mandelkekse oder Lasagne kamen erstaunlicherweise nicht vor. Ich bedachte das leere Textdokument auf dem Monitor, das mich hämisch anzustarren schien, mit einem halb resignierenden, halb vorwurfsvollen Seufzer. Mit leerem Magen würde ich aber sicher auch nichts zu Papier bringen. Das war ein einwandfreies Argument. Ich nickte überzeugt. Und in der Küche würde mir sicher eine zündende Idee kommen. Ganz bestimmt. Irgendwelche amerikanischen Wissenschaftler würden garantiert bald herausfinden, dass die Küche nach der Toilette der Ort war, an dem man am häufigsten von Musen überfallen und geküsst wird. Es wäre also auf jeden Fall ein schwerwiegender Fehler, nicht nach unten zu gehen und dort von der Kreativität übermannt zu werden. Oder überfraut, wer weiß. Heutzutage musste man ja auf Gleichberechtigung achten. Mit diesen Gedanken im Hinterkopf tapste ich die Treppe hinab, die mir wohlwollend zuzuknarren schien.

An dieser Stelle sollte vielleicht auf die Anatomie des Gebäudes eingegangen werden. Ich war vor ein paar Jahren in das baufällig wirkende Reihenhaus gezogen. Es lag in den Ausläufern der Stadt und war nicht das repräsentativste Beispiel für Infrastruktur und Lokalkolorit; damals hatte ich kaum eine Wahl. Selbst wenn man ein abgeschlossenes Germanistikstudium vorweisen konnte, hieß das noch lange nicht, dass sich das Konto wie von Geisterhand füllte. Eine harte Lektion. Vor allem für Leute, die nach dem „Klappt schon. Hat immer irgendwie geklappt“-Grundsatz zu leben pflegten. Wie dem auch sei; ich zog ein, renovierte etwas und wohnte dort so vor mich hin. Mit Gelegenheitsaufträgen hielt ich mich mehr schlecht als recht über Wasser.

Das klingt zwar romantisch und nach der guten, alten Auftragsmörderei, hatte damit aber leider herzlich wenig zu tun. Wobei der ein oder andere Redakteur Letzterem gut und gerne bisweilen zum Opfer hätte fallen können.

Während ich noch diesen Überlegungen nachhing, war ich am Ende der Treppe angekommen und stand im Flur, der spärlich durch das fahle Licht beschienen wurde, welches durch die Glasscheiben der drei Türen fiel, die sich auf dieser Etage befanden. Zur Linken lag der Flur zur Straße hinaus, hinter der rechten Tür befand sich die Treppe zum Keller und geradezu lag die Küche, in die ich gähnend schlurfte.

Zuversichtlich, aber mit schlechtem Gewissen die Küchenschränke nach angemessenem Kreativfutter durchwühlend, beschlich mich ein merkwürdiges Gefühl, dem nicht unähnlich, das einen überkommt, wenn man im Theater in der ersten Reihe sitzt und die prüfenden Blicke der anderen Besucher im Nacken hat. Nicht die angenehmste Empfindung- vor allem in der eigenen Küche. Ganz besonders, wenn man nach eigenem Wissen allein daheim ist.

Üblicherweise schob ich solche Paranoiaanfälle auf die Uhrzeit -egal, was die Stunde geschlagen hatte- und beachtete sie nicht weiter. Ein paar Macken hatte ja jeder.

Ich kniff daher die Augen zusammen, um das Ziffernblatt des Küchenweckers zu erkennen, den ich preisgünstig gemeinsam mit der Neonfunzel erstanden hatte, die mit ihrem flackernden Licht ebenjenen spärlich beleuchtete. Ich wandte mich leidlich beruhigt wieder dem Durchkämmen der Schränke zu, hielt jedoch inne, als mir die Frage durch den Kopf schoss, wann ich die Lampe überhaupt eingeschaltet hatte. Nur einen Moment lang war ich versucht, das Ganze auf mein, zugegebenermaßen wirklich miserables, Gedächtnis zu schieben. Dann beschloss ich aber, dass ein schlechtes Erinnerungsvermögen noch keine Demenz macht und starrte stattdessen verstört und mit halboffenem Mund die flimmernde Lampe an.

Fieberhaft überlegte ich. Wackelkontakt? Außerirdische? Zum Leben erwachende Haushaltsgegenstände? Das alles wäre mir sehr viel lieber gewesen als in Betracht zu ziehen, dass sich außer mir noch jemand in der Wohnung befand.

Ich verengte die Augen zu Schlitzen, holte tief Luft und näherte mich mit zitterndem ausgestrecktem Zeigefinger dem Lichtschalter. Nachdem ich ihn betätigt hatte, stellte ich mehrere Sachen fest.

Weder die Technik noch mein Gedächtnis schienen ihre Tätigkeiten eingestellt zu haben und funktionierten tadellos. Doch so richtig freuen konnte ich mich darüber nicht. Die logische Schlussfolgerung bestand nämlich darin, dass es zunächst einmal ziemlich duster wurde und sich meine Augen zunächst an den reduzierten Lichteinfall gewöhnen mussten. Ich stand mit einigermaßen weichen Knien(da ich von Natur aus ein Mädchen war, gestand ich mir diese Reaktion durchaus zu) in meiner Küche und verfluchte die Geizkragen in der Stadtverwaltung. Statt eines herzerwärmenden Orange, das froh und heiter von den Straßenlaternen gespendet worden wäre, blieb mir noch ein kärglicher Halbmondstrahl, der sich verirrt zu haben schien. Noch überlegend, ob ich dankbar sein sollte, dass nicht Vollmond war- was ja ungleich unheimlicher gewesen wäre-, blickte ich angespannt, aber ziellos umher.

Meine Schienbeine begannen zu jucken. Ich verlagerte mein Gewicht von einem Bein aufs andere und beobachtete mißtrauisch Geräte und Utensilien im Raum.

Gerade, als ich dabei war, das Blickduell gegen den Toaster zu verlieren, wurde das Jucken durch meine Nackenhaare abgelöst, die sich aufrichteten. Erfahrungsgemäß war das nie ein gutes Zeichen. Ich dachte an alle einschlägigen Horror-Romane, die ich mir je zu Gemüte geführt hatte.

Dem Küchenwecker ging es scheinbar ähnlich, denn er tickte jäh sensationell langsam. Da ich immer noch unschlüssig war, ob ich meiner subjektiven Wahrnehmung die Alleinschuld für das alles in die Schuhe schieben sollte, drehte ich mich behutsam um die eigene Achse. Über weitere Gruselklischees nachsinnend, in denen eventuell ja doch ein Körnchen Wahrheit stecken könnte, rotierte ich sorgfältig in der Küchenmitte. Dieses Haus wurde weder über einem Indianerfriedhof errichtet, noch hatte ich in irgendwelchen Beschwörungsbüchern geschmökert. „Und einen eklatanten Mangel an Knoblauch hab ich auch nicht zu beklagen“, versicherte ich der Tür im Brustton der Überzeugung.

Mein bleiches Spiegelbild nickte mir offenbar verständnisvoll zu. Ich nickte zurück und wollte mich weiter in gängigen Klischees aus Horrorfilmen ergehen, als mir auffiel, dass mein Spiegelbild eifrig mit dem Nicken fortfuhr. Ich sah genauer hin. Dann begriff ich und schluckte. Mein Mund war staubtrocken. Ich wollte schreien, brachte aber nur ein klägliches Wimmern zustande.

Das Gesicht auf der anderen Seite der Tür grinste abscheulich verzerrt. Dann verschwand es.

Mit heruntergeklappter Kinnlade stierte ich auf die Stelle, wo sich die Fratze eben noch befunden hatte, bis meine Augen zu tränen begannen. Ich wusste, dass ich irgendwas tun sollte. Nur fühlte ich mich entsetzlich hilflos. Vor Fernseher oder Leinwand konnte man sich noch so überlegen fühlen und wunderbare Ratschläge geben. Das Erste, was mir in den Sinn kam, war, positiv zu denken. Wie absurd. Da ich aber für alles dankbar war, was hilfreich anmutete, klammerte ich mich an jeden konstruktiv erscheinenden Gedankenfetzen. Leider war das in meinem Fall: „Immerhin regnet es nicht. Das hätte meine arme, alte, eh schon schwache Blase sicher überstrapaziert.“ Ich entschied, das mit dem positiven Denken aufzugeben und wütend zu werden. Wieso lief hier heute eigentlich nichts, wie es sollte? Was hatten gruselige Visagen in meinem heimeligen Häuschen zu suchen? Aus welchem Grund wurde mir das zugemutet? Hatte ich nicht schon Probleme genug? Es konnte sich hierbei ja wohl nur um einen bösen Scherz irgendwelcher dreisten Jugendlichen handeln, beschloss ich. Grimmig griff ich nach der gusseisernen Schöpfkelle und stapfte entschlossen zur Tür. Zornerfüllt drückte ich die Klinke hinunter und steckte meinen Kopf in den Flur, um die Ursache für meinen Fast-Infarkt ausfindig zu machen und sie zur Rechenschaft zu ziehen.

Ich hielt inne, spitzte die Ohren und sah mich um.

Von oben war zwar kein Geräusch zu hören, die weit geöffnete Tür zum Keller gab mir jedoch einen subtilen Hinweis darauf, wohin sich der nächtliche Besucher mit der einprägsamen Miene verflüchtigt hatte. Ich gratulierte mir zu meinem Scharfsinn und behielt sie argwöhnisch im Blick, während ich mich in ihre Richtung mit dem Rücken zur Wand durch die Diele schob. Schließlich stand ich vor der ersten Stufe und schaute hinunter. So finster hatte ich das alles gar nicht in Erinnerung. Wie gut, dass ich meine Schöpfkelle hatte. Wobei eine solide Schusswaffe oder ein Bluthund noch besser gewesen wären. Oder wenigstens eine Taschenlampe. Siedend heiß fiel mir ein, dass sich eine solche im Kellergeschoss befand. Ich lobte mich für meine praktische Denkweise und machte mich an den Abstieg.

Diesmal schienen die Stufen nicht wohlwollend, sondern verräterisch zu knarren. Ich suchte diesen albernen Eindruck nach Kräften zu ignorieren; ebenso meine knackenden Gelenke, die anscheinend nicht die geringste Lust hatten, mit der geplanten Heimlichkeit zu kooperieren. Als ich es beinahe mit dem Ignorieren geschafft hatte, war ich auch schon unten angekommen und bemühte mich, meinen Ärger von vorhin aufrecht zu erhalten. Dieser musste sich mittlerweile mit aufkeimender Hysterie messen. Auf wackeligen Beinen wagte ich ein paar Schritte in den Keller hinein und versuchte, mich im Dunkeln zu orientieren, um mir das Überraschungsmoment zu bewahren. Wenn mich meine Erinnerung nicht trog, war das Kellergeschoss in einen kleinen Flurbereich und zwei nebeneinander liegende Räume aufgeteilt. Ich hatte bisher nur den linken davon genutzt. Und auch das nicht besonders häufig. Das lag daran, dass der rechte Raum stets verschlossen war. Zudem hatte ich nicht viel überflüssigen Kram, also reichte eine Kammer zum Vollmöhlen. Zum Beispiel mit der einzigen Taschenlampe im Haus. Ich machte einen ungelenken Schritt in die entsprechende Richtung. Dann hörte ich ein Geräusch, das mir so gar nicht gefiel. Es war das Geräusch, welches ertönte, wenn man einen Schlüssel im Schloss dreht.

Im Schloss der Kellertreppe oben. In meinen Ohren begann es zu rauschen. Schweiß trat mir auf die Stirn und ich versuchte, die Panik niederzukämpfen, die meine Wahrnehmung zu überschwemmen drohte.Ich zerrte die Tür zum Raum so leise wie möglich auf und horchte währenddessen, ob ich Schritte auf der Treppe hörte, die sich näherten. Ich meinte, ein nahendes Tapsen zu vernehmen, und verfünffachte daraufhin meine Anstrengungen, geräuschlos in den Raum zu gelangen und die Tür hinter mir zu schließen. Ich wich noch einen Schritt zurück und lauschte weiterhin angestrengt. Die Finsternis schien sich zu verdichten.

Fortwährend ängstlich nach verdächtigen Lauten lauschend, tastete ich vorsichtig um mich. Die Lampe musste sich irgendwo im hinteren Bereich befinden. Da die Dunkelheit undurchdringlich war, hielt ich es für eine gute Idee, rückwärts gehend weiter zu tasten und dabei die Tür im Blick zu behalten. Es wäre nicht unwahrscheinlich, dass ich mich dabei tölpelhaft verletzen würde. Aber die Alternative, von hinten angefallen zu werden, war wesentlich unattraktiver. Ich tastete prüfend über mehrere Werkzeuge hinweg, die ich aber verschmähte. Nicht zuletzt wegen den Splittern, die immerhin dank des Adrenalins kaum schmerzten. Dazu kam, dass sie sich aufgrund ihrer altersschwachen Beschaffenheit nicht einmal als Waffen eigneten. Schließlich fand ich die Taschenlampe. Als meine Finger sie umschlossen, streifte mein Handrücken noch etwas anderes. Etwas …Haariges. Ich schloss entsetzt die Augen. Wider besseres Wissen drehte ich mich um und griff zögerlich dorthin. Mein Magen rumorte furchtsam. Ich berührte das Objekt zaghaft. Zu meiner Überraschung war es recht weich, stellenweise verfilzt. Ich übte leichten Druck aus und stellte fest, dass das Ding unter der pelzigen Oberfläche hart war. Regelrecht knochig. So einen Gegenstand hatte ich hier nie deponiert. Ich bekam eine Gänsehaut, zog die Hand zurück und beschloss, alle Vorsichtsmaßnahmen zugunsten dieser neuesten Entwicklung über Bord zu werfen und etwas Licht in die Sache zu bringen. In banger Erwartung neuer Entsetzlichkeiten knipste ich die Lampe an. So war jedenfalls der Plan. Ein paar Herzschläge lang wurde die Szenerie flackernd beleuchtet. Dann gaben die Batterien ihren Geist auf. Womöglich war das auch besser so. Ich starrte geistlos und mit tränenden Augen in die Schwärze; unfähig, zu glauben, was ich gerade bestürzt erblickt hatte. Die Leuchte in meiner Hand bewies ihren Sinn für Humor und nahm ihre Funktion wieder auf. Erneut fiel trüber Lichtschein auf die Wände. Die absolut nichts mehr mit den Wänden gemein hatten, an die ich mich erinnerte.

Etwa hundert Katzenköpfe blickten aus glasigen Augen ins Leere. Ich schrie durchdringend und ließ die Taschenlampe fallen. Sie prallte auf den Boden, gab ein zerknirschtes Ächzen von sich und den Geist vollends auf, während sie aus meiner Reichweite rollte. Erneut von Düsternis umgeben, versuchte ich, das eben Gesehene zu verarbeiten. Es fiel mir denkbar schwer, zu glauben, dass mein Keller derart widerwärtig umgestaltet worden war. An meine Zurechnungsfähigkeit glaubte ich zu dem Zeitpunkt schon lange nicht mehr. Meine Zähne klapperten ausgelassen und ich spürte deutlich, wie mein Mittagessen die Rückreise antreten wollte. Der sprichwörtlichen Salzsäule alle Ehre machend, resümierte ich die Ereignisse der letzten Stunde und war gerade zu der felsenfesten Überzeugung gelangt, dass sich meine Lage immerhin nicht verschlimmern konnte. Natürlich wurde ich eines Besseren belehrt, als meine exzessive Selbstbemitleidung abrupt durch lange, kalte schmierige Finger unterbrochen wurde, die meine Oberarme packten. Diesmal stieß ich kein markerschütterndes Gebrüll aus, sondern begnügte mich damit, in gnädiger Umnachtung zu versinken.

Als ich aus der Ohnmacht erwachte war das Erste, das ich bemerkte, das pulsierende, fluoreszierende Licht, das mich umgab. Benommen bewunderte ich die zu- und abnehmende Helligkeit und die lustigen Reflektionen auf den blinkenden, spiegelnden Oberflächen. Doch irgendetwas störte mich. Die Fesseln, die mir ins Fleisch schnitten, holten mich aus der wohligen Unwirklichkeit auf den harten und kalten Kellerboden der Realität zurück. Ich runzelte die Stirn und wollte die Ursache meines Unbehagens ausfindig machen.

Mit einem Schlag war ich bei vollem Bewusstsein. Wie gelähmt sah ich zu, wie die Umrisse meiner Umgebung immer schärfer wurden. Leider fühlte ich mich dadurch auch nicht wohler. Ganz im Gegenteil. Ich rollte verzweifelt mit den Augen. Dabei nahm ich bedauerlich viel von dem wahr, das sich in unmittelbarer Nähe befand. Um mich herum waren größere Behälter aufgestellt. Ich konnte -trotz allem, was mir widerfahren war – nicht widerstehen und warf einen Blick hinein. Irgendjemand hatte es als notwendig empfunden, diese Behälter mit sämtlichen Insekten zu füllen, derer er habhaft werden konnte. Sorgfältig nach Arten sortiert und sehr leblos. Angewidert wandte ich den Kopf ab und suchte Trost in der Wandbetrachtung. Doch auch dieser Trost blieb mir verwehrt: ich konnte keine Wand mehr erkennen. Stattdessen gab es Spinnen. Überall. Sie waren ebenso tot wie die Tiere in de Behältern, so weit ich das erkennen konnte. Lebendige Spinnen hatten weniger Nägel im Körper. Nur zu gern hätte ich irgendetwas betrachtet, das mich nicht dazu animierte, auch meinem Mageninhalt dieses bezaubernde Örtchen zu präsentieren. Heute war jedoch nicht mein Glückstag. Mein liebenswerter Besucher von vorhin hatte nun nämlich auch seinen Auftritt. Meine Wiedersehensfreude hielt sich in engen Grenzen. Er schob sich zielstrebig in mein Sichtfeld, wobei ich auch diesmal in den Genuss seines charmanten Grinsens kam. Welches aus dieser Entfernung eher zu einem grotesken Zähnefletschen verkam. (Jeder Zahnarzt hätte sich hier über ein gesichertes Einkommen bis zu seiner Pensionierung gefreut. Ich dagegen hätte mir beinahe in die Hose gemacht.) Der Rest seiner umwerfenden Erscheinung konnte problemlos mit seinem Gruselgebiss konkurrieren. Das wabernde Licht enthüllte einen gekrümmten, dürren Körper mit Gliedmaßen, deren Länge nicht normal sein konnte. Das Bemerkenswerteste waren, abgesehen von seiner ungesund grünen, verschrumpelten Haut, die Augen meiner neuen Bekanntschaft. Sie hatte keine. Dabei war mir die Augenfarbe bei Dates auch nie wirklich wichtig gewesen. Zu allem Überfluss trug das Wesen einen alten,, grauen Kittel, der auch schon bessere Tage gesehen hatte. Wie zum Hohn prangte an der rechten Brusttasche ein kleines Messing-Schild mit der Prägung „Verwalter“. Hysterisches Kichern stieg in mir auf wie ein überenthusiastischer Heißluftballon, als ich draufglotzte. Unbeeindruckt bewegte sich die Kreatur weiter auf mich zu, die Augenhöhlen in meine Richtung gewandt. Das Kichern brach sich Bahn und wurde zu einem ausgewachsenen neuropathischen Anfall, als das Geschöpf nur noch eine Armeslänge von mir entfernt war. Es griff nach mir und trachtete scheinbar danach, meinen Kopf unsanft vom Rumpf zu trennen oder ähnlich ulkige Geschichten. Offensichtlich plante das Ding, die Prozedur mithilfe seiner verwahrlosten Beißerchen zu bewerkstelligen. Ich machte noch ein paar letzte, sehr verzweifelte und genauso zwecklose Versuche, mich zu befreien. Doch da hatte ich schon die widerwärtigen Griffel an meinen Schläfen.

Einerseits hätte ich mir den Anblick bei meinen augenscheinlich letzten Atemzüge gerne erspart, andererseits ging eine morbide Faszination von dem schauerlichen Antlitz aus.

Jeden Moment würde meine Kehle die Bekanntschaft mit dem verrotteten Gebiss machen. Selbst, wenn mein Kopf auf den Schultern bleiben sollte, so würde der Gestank mir dennoch den Garaus machen. Ich schloss nun doch die Augen und ergab mich in mein Schicksal. Mit angehaltenem Atem harrte ich meines Endes. Einen Augenblick lang geschah gar nichts. Auch die Sekunden danach zeichneten sich durch Ausbleiben jeglichen Geschehnisses aus. Entgegen aller Erwartungen war ich unversehrt geblieben und schlug hoffnungsfroh meine Augen auf. In diesem Moment drückte das Monster seinen schorfigen Mund auf meinen und gab schmatzende Geräusche von sich. Ich wollte nicht gegessen werden. Nach allem, was ich wusste, war das weder kurz noch schmerzlos. Das Schmatzen wurde fortgesetzt und von einem allmählich lauter werdenden Gurren begleitet. Jedoch spürte ich keinen Schmerz. Als fairen Tausch dafür bekam ich keine Luft mehr. Als mir aufging, was hier vor sich ging, gingen mir die Lichter aus.

Ich kam an meinem Schreibtisch sitzend zu mir. Mein Kopf lag auf dem Tisch und wies vermutlich ein hübsches Tastaturmuster auf. Draußen dämmerte es und ich blinzelte schlaftrunken der aufgehenden Sonne zu. Ein einzelner Sonnenstrahl fand den Weg durchs Fenster und ließ das kleine Metallschild in meiner merkwürdig grünen Hand selbstgefällig funkeln.

SUDDENLY – Murks

Keine weitere Erklärung. Kontext kostet extra.

 

Ich stand gerade in meiner Küche vor dem Herd und wartete geduldig darauf, dass der Toast einen genehmen Bräunungsgrad erreichte – selbst wohlmeinende Anthropologen hätten die Röstgewohnheiten meines Toasters zumindest als „eigenwillig“ kategorisieren müssen – als es plötzlich klingelte.

Ich warf einen unwirschen Blick gen Tür. Wenn es wichtig war, konnte derjenige sicher noch einen Moment warten. Aber Toast war heikel. Wenn ich nicht genau den richtigen Moment abpasste, würde er entweder noch genauso labberig sein wie am Tag seiner Eintütung – oder sich umgehend in etwas verwandeln, das man ebenso gut vom Förderband eines Kohlebergwerks hätte klauben können.

Es klingelte erneut. Nachdrücklicher diesmal. Ich knurrte gereizt und warf einen prüfenden Blick zum Toaster. Ich versuchte abzuschätzen, wie weit fortgeschritten die Bräunung war. Der Toast war bleich wie am ersten Tag seiner Schöpfung. Ich zögerte. Wenn ich mich beeilte und einfach nur schnell durch den Türspion herausfand, wer mir meinen Brotgenuss vereiteln wollte und rasch genug zurück war, konnte ich das dräuende Unglück möglicherweise verhindern.

Ein drittes Klingeln.

So lästig waren doch sonst nicht mal die Haushaltswarenvertreter. Ich klappte den Türspion auf und sah hindurch. Was ich erblickte, ließ mich im ersten Moment an eine Sinnestäuschung, im zweiten an einen schlechten Scherz und im dritten an antiquierte Berliner Volkspoesie denken. Vor der Tür stand … ich.

Während ich mich vergeblich mühte, mein Erstaunen zu zügeln, hörte ich, wie in der Küche leise knisternd der Toast kokelte.

Suddenly – Nanowrimo

Jupp, die Hälfte des Novembers ist rum und ich bin fleißig dabei, mich wieder mit allem zu übernehmen, was sich derzeit so dafür anbietet. </maßlose Übertreibung>

Hier jedenfalls das Exzerpt aus meiner aktuellen Geschichte – falls ich die 50.000 bis zum Monatsende schaffe, werd ich mal schauen, ob sich das Editieren überhaupt lohnt. Ich möchte allerdings davon Abstand nehmen, weitere Auszüge aus dem Erstentwurf zu veröffentlichen; man serviert Gästen im Restaurant ja auch keine rohen Kartoffeln und erwartet dann, dass sie sich in Lobpreisungen über das herrliche Mahl ergehen.

***

Ich stand gerade vor dem Kühlregal des örtlichen Supermarktes und dachte über die moralisch-ethische Vertretbarkeit eines Abendessens in Form von Fertig-Eierkuchen mit Ketchup nach, als der Imp zwischen den Milchpackungen hervorkroch und damit begann, mich mit Mozzarella zu bewerfen. Ich freute mich verhalten über meinen Mangel an Laktose-Intoleranz und machte mich aus dem Staub, bevor meine neueste Wahnvorstellung zum Ananasjoghurt überging. Ich hasste Ananas. Dann eben nochmal Tütensuppe.
Ich trabte kopfschüttelnd aus dem Laden und durch die paar Straßen, die der Laden von meiner Wohnung entfernt war. Ja, durchaus dunkle, unbelebte Straßen, aber irgendeines meiner Vorleben schien seinen Nachleben ein unglaublich langweiliges Karma gesichert zu haben.
Darum nahm ich es zunächst gar nicht für voll, als ich den Mülleimer in der Seitenstraße umstürzen hörte. Sicher etwas brutal langweiliges. Vielleicht hätte ich dem ganzen doch einen zumindest flüchtigen Blick widmen sollen. Dann wären die folgenden Ereignisse auch nicht ganz so unerwartet für mich gekommen. Aber ich bin nicht unbedingt für meine weise Voraussicht bekannt.
Als mir der Dämon auf die Schulter tippte, versuchte ich gerade, mich zu einer der Tütensuppensorten durchzuringen, die sich in meinem Küchenschrank türmten. Ich drehte mich zerstreut um und fiel beinahe über meine eigenen Füße. „Broccolicreme!“, kreischte ich. Der Dämon schien ähnlich überrascht wie ich und sah beinahe bestürzt aus. So weit man das von Dämonen sagen kann. Er war groß und zottig und roch ein wenig nach Kohl.
„Weiche, Dämon“, schlug ich ihm probehalber vor.
Er schien die Möglichkeit kurz in Betracht zu ziehen, schüttelte dann aber grunzend den behörnten Kopf. Dann streckte er den Arm aus, der mit einer eindrucksvollen Klaue bestückt war, die ich aber nicht unbedingt in meiner Nähe wissen wollte. Ich stolperte halbelegant rückwärts. Möglicherweise wäre es klug gewesen, vorher auch einen Blick über die Schulter zu werfen, aber an dieser Stelle möchte ich nochmal an die Sache mit der Voraussicht erinnern. Der zweite Dämon, der sich hinter mir platziert hatte, griff mich an den Schultern, dann verschwanden wir alle drei.

Hurra, Alltagslyrik.

Eventuell kommen hier mal öfter solche Sachen, falls sie mir präsentabel/albern/bemerkenswert genug erscheinen. Folgender Dialog ergab sich eben zwischen den Eltern dieses Blogs:

[11:51] <Carl> there is a tit outside the window
[11:51] <Carl> a blue tit
[11:52] <Carl> hopping up and down the twigs, climbing like a boss
[11:53] <Franzi> „Do you see the tit out there? / It’s a blue one, if you care / Climbing up and down the twigs / It’s a bird, what are you, pigs?“
[11:53] <Franzi> Hm.

Ich weiß nicht, ob das innovativ ist, oder einfach nur das verzweifelte auch-mal-wieder-was-posten-wollen.

Beim Nanowrimo wollte ich dieses Jahr eigentlich nicht mitmachen, aber nachdem ich das verkündet hatte, fiel mir ein Plot ein.:/